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JOCHEN STENGER MOMENTI ITALIANI
22.04. – 13.05.2012
Uwe Nölke
"Ein Dorf in unserer Zeit"

Der Fotograf Uwe Nölke porträtiert Klein Lüben in Brandenburg und lässt den Betrachter teilhaben an einem Stück deutscher Geschichte.

Es ist eine Schönheit, die am Ufer liegt. Das warme Rot der Backsteinhäuser, das kräftige Grün der Wiesen, die weißen Rinder die am Flussufer grasen, ergeben ein idyllisches Bild. Genau solch ein hinreißendes Motiv würde man sich aussuchen, um das ideale Dorf zu illustrieren.

Karthane heißt das Flüsschen, als sei es eine antike Tragödin, dabei murmelt es nur eilig durch die Wiesen in Richtung Elbe. Die Schönheit ist Klein Lüben, ein Ortsteil von Bad Wilsnack im Nordwesten Brandenburgs. Gelegen so ungefähr in der Mitte der Bahnstrecke zwischen Hamburg und Berlin, in der Prignitz, unweit der Mündung der Havel in die Elbe. Das ganze Gebiet um Bad Wilsnack ist Teil des „Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg“, mit anderen Worten: hier ist es richtig schön, und das kilometerweit, denn das Land ist flach, sandig, übersichtlich.

Wohnen möchte man hier schon, aber Arbeit gibt es kaum jenseits von Ackerbau und Viehzucht. „Wir vermissen hier im Dorf die Geräusche von Kindern“, sagt eine Anwohnerin, eine von 170 meist älteren Menschen, die in Klein Lüben leben. Still und menschenleer ist es auf der Straße, der Dorfkrug musste schließen, und in der Kirche findet auch nur noch einmal im Monat ein Gottesdienst statt. Beim Feuerwehrfest oder auch an den Feiertagen sind aber viele hier Verwurzelte wieder anzutreffen. So auch Frau und Schwager des in der Nähe von Frankfurt am Main lebenden Fotografen Uwe Nölke. Seit einigen Jahren verbringen die Nölkes ihre freien Tage statt sonstwo in einem Hotel gerne in Klein Lüben, auf dem familieneigenen Bio-Bauernhof.

Uwe Nölke ist Business-Fotograf, das heißt, er fotografiert Menschen in Unternehmen, aber auch das Erscheinungsbild von Unternehmen, sprich Architektur. So lag für ihn 2006 die Idee ziemlich nahe, Klein Lüben und seine Einwohner zu porträtieren. Ist doch die Fotografie, verantwortungsvoll und mit Bedacht betrieben, eine wunderbare Möglichkeit, mit fremden Menschen in Kontakt zu kommen. Neugier, Entschlossenheit und ein visuelles Konzept auf Seiten des Fotografen sind dazu unabdingbar. Schon allein wegen der bekannten „Was der Bauer nicht kennt…“-Regel. Geduld zahlt sich aus.

Insgesamt drei Jahre lang fotografierte Uwe Nölke im Ort, verteilte Fotos, gewann die Kooperationsbereitschaft seiner „Modelle“ und wurde schließlich Ehrenmitglied der Dorf-Feuerwehr – als gebürtiger Ostwestfale!

Um die Zeitlosigkeit des dörflichen Lebens – den Plausch über den Gartenzaun, die Hausschlachtung, die Natur darum herum – darzustellen, entschied sich Uwe Nölke für die klassische Schwarzweiß- Fotografie. Optimal kommen die handwerklich perfekten Fotoarbeiten im großen Format der Ausstellungsabzüge zur Geltung. Klassisch sollte es sein, aber keineswegs nostalgisch. Das wäre der Situation eines Dorfes heutzutage gar nicht angemessen, zumal nicht der eines Dorfes auf dem Gebiet der ehemaligen DDR.

Die von den Klein Lübenern gemeinsam erlebte Wende samt Folgen schweißt zusammen. Auch wenn die LPGs aufgelöst und die jüngeren Leute jetzt im Westen leben: Der Wechsel der Jahres-zeiten bleibt gleich und damit die Anforderungen an die Arbeit des Landwirtes. Oder sollte man den Wunsch in der Aussage des Mannes mit den zwei Fernbedienungen als leisen Zweifel an der Harmonie im Ort auffassen? „Die Klein Lübener sollten alle immer schön zusammen halten und sich gut verstehen.“ Jeder kennt jeden, nur den Fotografen noch nicht so richtig. Auf einigen Fotos strahlen die Menschen eine leicht skeptische Herzlichkeit aus.

Klein Lüben ist vielleicht nur ein besonders entzückendes Rundlingsdorf mit Backsteinhäusern in der Westprignitz, aber durch Uwe Nölkes Fotografien ist es auch „das Dorf“ schlechthin, mit seinen idyllischen und problematischen Seiten, den geselligen Ereignissen und den einsamen Abenden vor dem Fernseher, mit den alten Kachelöfen und modernen Menschen auf Motorrädern. Es ist das Dorf, in dem sich Historie und Gegenwart mischen. Von weitem sehen wir das Bild einer idealen Landschaft, aus der Nähe den Ort der Geborgenheit, nach dem wir uns sehnen.
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